Werbung

Lulu von Frank Wedekind



Lulu


Ich liebe nicht den Hundetrab
Alltäglichen Verkehres;
Ich liebe das wogende Auf und Ab
Des tosenden Weltenmeeres.

Ich liebe die Liebe, die ernste Kunst,
Urewige Wissenschaft ist,
Die Liebe, die heilige Himmelsgunst,
Die irdische Riesenkraft ist.

Mein ganzes Innre erfülle der Mann
Mit Wucht und mit seelischer Größe.
Aufjauchzend vor Stolz enthüll' ich ihm dann,
Aufjauchzend vor Glück meine Blöße.

Frank Wedekind (1864 - 1918)

Ich hab' von Johanna Ambrosius



Ich hab'

Ich hab' eine glitzernde Perle gekannt,
Mich däuchte sie wunderfein –
Doch als ich sie hielt in meiner Hand,
War's nur ein Kieselstein.

Ich hab‘ eine rote Rose gepflückt,
Zart wie des Lenzes Hauch,
Doch als ich damit meinen Busen geschmückt,

Auch ein Herz, ein Herz wurde mir gesandt,
Ich glaubte es liebend – heiß;
Doch als ich das Herz an meines band,
War's fühllos kalt wie Eis. –

Johanna Ambrosius (1854 - 1939)

Jüngst als Lisettchen von Novalis



Jüngst als Lisettchen

Jüngst als Lisettchen im Fenster saß,
Da kam Herr Filidor
Und küßte sie,
Umschlang ihr weiches, weißes Knie;
Und sagt ihr was ins Ohr,
Ich weiß nicht was.

Dann gingen beide fort, er und sie,
Und lagerten sich hier,
Im hohen Gras
Und triebens frei in Scherz und Spaß;
Er spielte viel mit ihr,
Ich weiß nicht wie.

Zum Spiele hatt er viel Genie,
Er triebs gar mancherlei,
Bald so, bald so,
Da wars das gute Mädel froh,
Doch seufzte sie dabei,
Ich weiß nicht wie?

Das Ding behagt dem Herren baß
Oft gings da capo an?
Doch hieß es drauf,
Nach manchem, manchem Mondenlauf,
Er hab ihr was getan;
Ich weiß nicht was.

Novalis (1772 - 1801)

Mangelhafte Schöpfung von Adolf Glaßbrenner



Mangelhafte Schöpfung


Zwei Augen, Dich zu sehen,
Zwei Ohren, Dich zu hören,
Zwei Arme, Dich zu fassen,
Und, ach, um Dich zu küssen,
Nur einen Mund, o Holde!
Das will mir gar nicht passen!

Adolf Glaßbrenner (1810 - 1876)

Die Luft ist voll von deinem Duft von Klabund



Die Luft ist voll von deinem Duft


Die Luft ist voll von deinem Duft,
O süßer Leib du von Jasmin!
Die Uhr schlägt drei. Am Horizont
Die ersten rosa Wolken ziehn.

Die ersten rosa Wolken ziehn
Am Horizont. Die Uhr schlägt drei.
O süßer Lieb du von Jasmin,
Die Luft ist voll von deinem Duft!

Klabund (1890 - 1928)

Lebe wohl! von Richard Fedor Leopold Dehmel



Lebe wohl!


Eine dicke Tigerschlange liegt
müde um mein Herz geringelt
ihre satten Augen thun sich zu.
Einmal züngelt
ihre dünne Zunge noch. Sie schläft ...
Lebe wohl, mein blutend Täubchen Du.

Richard Fedor Leopold Dehmel (1863 - 1920)

Zur Unzeit von Adelbert von Chamisso



Zur Unzeit


Ich wollte, wie gerne, dich herzen,
Dich wiegen in meinem Arm,
Dich drücken an meinem Herzen,
Dich hegen so traut und so warm.

Man verscheucht mit Rauch die Fliegen,
Mit Verdrießlichkeit wohl den Mann;
Und wollt ich an dich mich schmiegen,
Ich täte nicht weise daran.

Wohl zieht vom strengen Norden
Ein trübes Gewölk herauf,
Ich bin ganz stille geworden,
Ich schlage die Augen nicht auf.

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838)

Du bist so willig von William Shakespeare



Du bist so willig

Du bist so willig, leicht drum zu gewinnen,
du bist so schön, als Beute drum begehrt;
und wann versagte sich mit spröden Sinnen
ein Weibgeborner, wenn ein Weib gewährt?
Und dennoch will ich dir zur Warnung sagen:
Laß deine süßen Lüste nicht zu frei,
die dich in diesen tollen Taumel jagen,
worin du zweifach brechen mußt die Treu -
die ihre, da dein Reiz sie hat geblendet,
die deine, da er sich mir abgewendet.

William Shakespeare (1564 - 1616)

Komm herein von Emanuel Geibel



Komm herein

Komm herein, o Nacht, und kühle
Diese Gluten, diesen Schmerz!
Aus dem Wirrsal der Gefühle
Wie errett' ich nur mein Herz?

Wo wir einst so glücklich waren,
Hab' ich wieder sie geseh'n -
Und auf's neue, wie vor Jahren,
Ist's um mein Ruh' gescheh'n.

Emanuel Geibel (1815 - 1884)

Eingang von Clemens Brentano



Eingang


Was reif in diesen Zeilen steht,
was lächelnd winkt und sinnend fleht,
das soll kein Kind betrüben;
die Einfalt hat es ausgesät,
die Schwermut hat hindurchgeweht,
die Sehnsucht hat's getrieben.
Und ist das Feld einst abgemäht,
die Armut durch die Stoppeln geht
sucht Ähren, die geblieben;
sucht Lieb, die für sie untergeht,
sucht Lieb, die mit ihr aufersteht,
sucht Lieb, die sie kann lieben.
Und hat sie einsam und verschmäht
die Nacht durch, dankend in Gebet,
die Körner ausgerieben,
liest sie, als früh der Hahn gekräht,
was Lieb erhielt, was Leid verweht,
ans Feldkreuz angeschrieben:
"O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Clemens Brentano (1778 - 1842)

Stille Frage von Luise Büchner



Stille Frage


Es quillt des Abendsterns
Geheimnißvoller Schein,
So nah' und auch so fern,
Mir in das Herz hinein.

Drin glüht ein and'res Licht,
So nah' und auch so fern,
Das Herz umschließt es dicht –
Doch weit ist's wie der Stern.

Du gold'ner Liebesstrahl,
Geh', frage deinen Stern,
Bleibt er zu deiner Qual,
Dir ewig, ewig fern?

Luise Büchner (1821 - 1877)

Wie bitter ein geleerter Kelch! von Victor Marie Hugo



Wie bitter ein geleerter Kelch!

Wie bitter ein geleerter Kelch! wie endet
Jedweder Traum, den uns ein Rausch gesendet,
Mit Schrecken! - Jung - o, wie das hofft und glüht!
Doch später, wenn die Seel' gesättigt beben
Wir, wenn das Aug' zurück aufs Leben
Vom andern Rand des Horizontes sieht.

Victor Marie Hugo (1802 - 1885)

Was Brot dem Leibe von William Shakespeare



Was Brot dem Leibe

Was Brot dem Leibe, bist du meiner Seele,
was dürrer Saat der Regen, bist du mir,
der ich um deine Ruh mich rastlos quäle
wie es dem Geizhals geht mit seiner Gier.
Bald möcht' ich prahlend meinen Schatz genießen,
bald zittre ich, daß die Zeit ihn bald mir stiehlt;
bald wünsche ich, ganz mit dir mich einzuschließen,
bald, daß mein Glück sich aller Welt empfiehlt.
Bald schwelgt mein Blick in deiner Schönheit Fülle,
um bald nach deinem Blicke zu verschmachten,
und keine andre Lust bleibt Wunsch und Wille,
als deiner Lust beseligt nachzutrachten.

So fühl ich täglich, wechselnd auf der Stelle,
mich bald im Himmel, bald mich in der Hölle.

William Shakespeare (1564 - 1616)

Der Wirtin Töchterlein von Ludwig Uhland



Der Wirtin Töchterlein


Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein,
Bei einer Frau Wirtin, da kehrten sie ein:

"Frau Wirtin, hat Sie gut Bier und Wein?
Wo hat Sie Ihr schönes Töchterlein?"

"Mein Bier und Wein ist frisch und klar.
Mein Töchterlein liegt auf der Totenbahr'."

Und als sie traten zur Kammer hinein,
Da lag sie in einem schwarzen Schrein.

Der erste, der schlug den Schleier zurück
Und schaute sie an mit traurigem Blick:

"Ach, lebtest du noch, du schöne Maid!
Ich würde dich lieben von 'dieser Zeit."

Der zweite deckte den Schleier zu
Und kehrte sich ab und weinte dazu:

"Adi, daß du liegst auf der Totenbahr'!
Ich hab' diich geliebet so manches Jahr."

Der dritte hüb ihn wieder sogleich
Und küßte sie an den Mund so bleich:

"Dich liebt' ich immer, dich lieb' ich noch heut'
Und werde dich lieben in Ewigkeit."

Ludwig Uhland (1787 - 1862)

Der schönste Anblick von Justinus Kerner



Der schönste Anblick


Schön ist's, wenn zwei Sterne
Nah sich stehn am Firmament;
Schön, wenn zweier Rosen
Röte ineinander brennt.

Doch in Wahrheit immer
Ist's am schönsten anzusehn,
Wie zwei, die einander lieben,
Selig beieinander stehn.

Justinus Kerner (1786 - 1862)


Lied von Hermann Oelschläger



Lied


Wenn du dein Haupt
Zur Brust mir neigst
Und die Hände mir fassest
Und stehst und schweigst;

Wenn mir dein Hauch
Die Stirn umweht,
Dann überkommt's mich
Wie Gebet.

Mir ist, der Himmel
Seh' darein,
Und es müsse sein Segen
Mit uns sein.

Hermann Oelschläger (1839 - 1908)

Kein Wort mehr! von Max Haushofer



Kein Wort mehr!


Kein Wort mehr will ich sagen
Von dem, was mich bewegt,
Will alles stille tragen,
Was du mir auferlegt.

Kein Wort mehr will ich sagen,
Wie mir’s im Herzen brennt;
Die Stunde hat geschlagen,
Die uns für immer trennt.

Kein Wort mehr will ich sagen,
Nur einst, nach langer Zeit,
Da werd’ ich kommen und fragen
Nach deiner Seligkeit.

Max Haushofer (1840 - 1907)

Spaziergang von Alfred Mombert



Spaziergang


Sie wandeln durch des Waldes Grün.
Vögel singen und Blumen blühn.

Ein blasser Mann und ein stilles Kind
Sie schlürfen durstig den Frühlingswind.

Und der Knabe bleibt verwundert stehn:
"Ich glaub, ich kann die Mutter sehn."

Sie starren in das junge Grün …
Vögel fliegen und Blumen blühn.

Alfred Mombert (1872 - 1942)

Du sollst das Glück mir nicht zerstören von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben



Du sollst das Glück mir nicht zerstören


Du sollst das Glück mir nicht zerstören,
Das unbewußt du selber bist;
Ich will von dir das Wort nicht hören,
Das nicht die Liebe selber ist.

Und irrt mein Herz, so laß es irren;
Es findet seine Heimat doch
Und kann durch dieses Lebens Wirren
Froh singen, denn es liebet noch.

Für seinen Irrtum büßt es nimmer –
Denn hat es nicht gebüßt genug?
Im Mondlicht ist nur Sonnenschimmer.
Und doch erfreut uns dieser Trug.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)

Spätes Glück von Anna Ritter



Spätes Glück


Es hat ein Blümlein Tag für Tag
Sich nach dem Glück gereckt,
Die liebe Sonne fand es nicht,
War gar zu tief versetzt.

Erst, als der Sichel blanker Stahl
Die Gräser rings gemäht,
Hat’s warm der Sonnenschein geküßt –
War aber viel zu spät.

Anna Ritter (1865 - 1921)

Woher die Liebe stammt von Gabriele Hermine Josefine Elisabeth von Rochow



Woher die Liebe stammt


Als Gott der Herr die Liebe schuf,
Da sah der Teufel zu! –
Er sah es voller Neid und Grimm,
Es ließ ihm keine Ruh,
Er gönnte nicht dem Erdenkind
Die süße Himmelslust
Und nicht das reine, sel'ge Glück
Der armen Menschenbrust!

Da ließ er neid- und haßerfüllt
Auch eine Lieb' entstehn,
Daran die Kinder dieser Welt
In Qual und Schmach vergeh'n! –
So stammt als höchstes Erdenglück
Die Lieb' aus Gottes Hand,
Und ward zugleich als Seelenpein
Vom Teufel uns gesandt!

Gabriele Hermine Josefine Elisabeth von Rochow (1860 - 1933)

Gefährliches Spiel von Carl Heinrich Saxen-Hausen



Gefährliches Spiel


So fällt ein Stern in's Wellengrab
Aus Himmels Herrlichkeiten,
Wie jener Ring, den sie ihm gab,
Um den jetzt Wogen gleiten!

So fällt ein Engel, wie sie fiel,
Der Liebe zu Gefallen!
Das schwerste ist der Minne Spiel
Doch von den Spielen allen.

Carl Heinrich Saxen-Hausen (1841 - um 1930)

Die Wunderrose von Emil Claar



Die Wunderrose


Die Rose, die du mir gegeben,
Sie blühte lang an meiner Brust,
Und hat es nicht gewußt
Was ihr verlieh dies tiefe Leben.

Daß nichts als Staub von ihr verbliebe,
Wär' sie in Stunden fortgerafft;
Sie sog durch Tage Daseinskraft
Aus deiner Liebe!

Emil Claar (1842 - 1930)

Die Zeichen der Liebe von Felix Dahn



Die Zeichen der Liebe


Was sind der Liebe Zeichen?
Erröten und erbleichen,
Erjauchzen und erbangen,
Kömmt sie von fern gegangen:
Bei ihres Namens Klange
Ein Glutstrahl in die Wange,
Still mit geschloss'nen Augen
An ihren Zügen saugen,
Das Licht, den Lenz, das Leben,
Kurz, was da köstlich eben
Ihr alles wollen geben,
Nichts achten ihresgleichen
Und niemals von ihr weichen, –
Das sind der Liebe Zeichen.

Felix Dahn (1834 - 1912)

Wo sich die Liebe vergibt von Rudolf Georg Binding



Wo sich die Liebe vergibt

Wo sich die Liebe vergibt
und sich vergibt daß sie liebt
wird sich die Göttin ergeben –
darf ich mein Stück für sie leben.

In ihr verschwiegenes Bereich
warf mich die Welle herauf
um zu erfüllen mein Los:

Tod und Liebe sind gleich.
Tod und Liebe sind groß.
Tod und Liebe stehn auf.
Liebe gebietet dem Tod.

Rudolf Georg Binding (1867 - 1938)

Meine Sünde von Felix Dahn



Meine Sünde


Soll ich ergründen
Meine Sünden,
Ich fand sie kleine
Bis auf eine:
Ich hab' ein Weib viel, viel mehr gern
als den Himmel und Gott den Herrn.

Felix Dahn (1834 - 1912)

Wir suchten von Franz Herold



Wir suchten 

Wir suchten warm uns zu umfassen
In Treu und Seligkeit,
Und haben trotzdem uns verlassen
In früher Jugendzeit.

Uns warf nach Süden und nach Norden
Das Leben wunderbar,
Nun sind wir beide mild geworden
Im grauen Haar.

Und wie wir uns die Hände geben,
So scheu und sacht,
So hebt sich ein verlorenes Leben
Aus seiner Nacht.

Die Hände haben nichts vergessen
Von jener Zeit,
Da so sie sich zusammenpressen
In Lust und Leid.

Franz Herold (1854 - 1943)

Abendsegen von Helene Most



Abendsegen


Nun hat es ausgeregnet,
Die Dämmrung senkt sich nieder.
Wie ruhen so gesegnet
Nun Wald und Fluren wieder!

Noch huscht vom klaren Westen
Ein letztes Sonnenleuchten,
Glüh'nd zuckt es auf den Ästen
Im Perlenschmuck, dem feuchten.

Sanft regt sich, wie im Traume,
Ein Windhauch in den Zweigen:
Da geht von Baum zu Baume
Ein Beben und ein Neigen.

Mir ist, ich müßte leise,
Ich müßt behutsam treten;
Es ist so still im Kreise …
Ich glaub, die Bäume beten. –

Helene Most (1883 - 1913)

Es goß mein volles Leben von Walter Calé



Es goß mein volles Leben

Es goß mein volles Leben
Sich selig vor dir aus,
In Arme magst du's heben
Und tragen in dein Haus.

All Leid und alles Wissen
Ihm abgeworfen sind,
Es harret deiner Winke,
Es ist nur wie ein Kind.

Es will dich ganz umschlingen,
Tauchen ins Auge dein
Und trunken bei dir singen:
"Wir werden Eines sein."

Walter Calé (1881 - 1904, Freitod)

Ein Blick in deine Augen von Max Kalbeck



Ein Blick in deine Augen


Ein Blick in deine Augen
Ist wie ein Blick in's Meer hinaus:
Die Tiefe ruht, darüber hin
Geh'n Wellenschlag und Sturmgebraus.

Ein Blick in deine Augen
Ist wie ein Blick zum Himmelszelt:
Das lächelt klar und still herab
Auf die verworr'ne, trübe Welt.

O Meer, in deiner Tiefe
Laß mich versenken alles Leid!
O Himmel, meiner Seele gib
Den Abglanz deiner Heiterkeit!

Max Kalbeck (1850 - 1921)

Um ein sanftes Herz von Heinrich Martin



Um ein sanftes Herz

Um ein sanftes Herz zu rühren,
Das noch nicht in Lieb' erwacht, –
Mußt du zart die Flamme schüren,
Bis sie langsam angefacht.
Aber ist es dir gelungen,
Dann halt' sorglich dich zurück;
Denn das Herz will ungezwungen
Schaffen sich sein eignes Glück.
Prüfen muß es selbst das Glühen,
Ob es ganz die Brust durchdrang;
Liebe kann nur rein erblühen,
Formt sie still sich ohne Zwang.

Heinrich Martin (1818 - 1872)

Nicht genug von Ludwig Jacobowski



Nicht genug


Ich liebe dich, doch nicht genug
Für deine Seele, deine süße.
Ich hab' ja Augen nicht genug
Für ihre tausend stummen Grüße.
Nicht Hände habe ich genug,
Um Glück, nur Glück, dir zuzutragen,
Und habe Atem nicht genug,
Um soviel Liebe auszusagen!

Ludwig Jacobowski (1868 - 1900)

Bitteres Gedenken von Ernst von Wildenbruch



Bitteres Gedenken


Rosen ging ich aus zu pflücken,
Morgens, da der Tag erwacht,
Und im Pflücken und im Bücken,
Immer hab' ich Dein gedacht.

Dein gedacht' ich, mein vergaß ich,
Nicht vor Dornen auf der Hut,
Und ein Dorn, ein böser, stach mich
In den Finger bis aufs Blut.

Immer denk ich jener Stunde
Und ich weine, wenn ich's thu',
Daß mir solche bittre Wunde
Dein Gedenken fügte zu.

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909)

Neue Liebe von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff



Neue Liebe


Herz, mein Herz, warum so fröhlich,
So voll Unruh und zerstreut,
Als käme über Berge selig
Schon die schöne Frühlingszeit.

Weil ein liebes Mädchen wieder
Herzlich an mein Herz sich drückt,
Schaust du fröhlich auf und nieder,
Erd und Himmel dich erquickt.

Und ich hab die Fenster offen,
Neu zieh in die Welt hinein
Altes Bangen, altes Hoffen!
Frühling, Frühling soll es sein!

Still kann ich hier nicht mehr bleiben,
Durch die Brust ein Singen irrt,
Doch zu licht ist mir's zum Schreiben,
Und ich bin so froh verwirrt.

Also schlend'r ich durch die Gassen,
Menschen gehen her und hin,
Weiß nicht, was ich tu und lasse,
Nur, daß ich so glücklich bin.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857)

Liebe leidet nicht von Johann Wolfgang von Goethe



Liebe leidet nicht

Liebe leidet nicht, Gesellen,
Aber Leiden sucht und hegt sie;
Lebenswoge, Well auf Wellen,
Einen wie den andern trägt sie.

Einsam oder auch selbander,
Unter Lieben, unter Leiden,
Werden vor- und nacheinander
Einer mit dem andern scheiden.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

An die Erwählte von Johann Wolfgang von Goethe



An die Erwählte


Hand in Hand! und Lipp auf Lippe!
Liebes Mädchen, bleibe treu!
Lebe wohl! und manche Klippe
Fährt dein Liebster noch vorbei;

Aber wenn er einst den Hafen,
Nach dem Sturme, wieder grüßt,
Mögen ihn die Götter strafen,
Wenn er ohne dich genießt.

Frisch gewagt ist schon gewonnen,
Halb ist schon mein Werk vollbracht!
Sterne leuchten mir wie Sonnen,
Nur dem Feigen ist es Nacht.
Wär ich müßig dir zur Seite,
Drückte noch der Kummer mich;
Doch in aller dieser Weite
Wirk ich rasch und nur für dich.

Schon ist mir das Tal gefunden,
Wo wir einst zusammen gehn
Und den Strom in Abendstunden
Sanft hinuntergleiten sehn.
Diese Pappeln auf den Wiesen,
Diese Buchen in dem Hain!
Ach, und hinter allen diesen
Wird doch auch ein Hüttchen sein.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

In Frankfurt am Main von Achim von Arnim



In Frankfurt am Main


Zuweilen that mir das Herz so weh,
Als ob es wär gesprungen,
Und wenn ich dann recht in mich geh',
So hat mir das Ohr geklungen.
Was klingt das Ohr, was schlägt das Herz,
So laut an die großen Glocken?
Es treibt der Himmel im Herzen Scherz,
Da ist der Verstand erschrocken,
Und schiebt es wohl auf die Witterung
Und auf die vergangnen Zeiten,
Wer liebt, der ist noch im Himmel jung
Und schauet die Erden von Weitem.

Achim von Arnim (1781 - 1831)

Glück von Friedrich Hebbel



Glück


Wie man das Heilige berührt:
Man will ihm selbst nicht geben,
Es ist genug, daß man es spürt,
So küßt' ich sie mit Beben,
Und that der Mund
Nicht Alles kund,
So brachte sie's zu Ende
In frommen Sinn
Zum Vollgewinn
Durch einen Druck der Hände!

Friedrich Hebbel (1813 - 1863)

Sieg von Friedrich Hebbel



Sieg


Zum ersten Male ist sie heut' gegangen
Als junge Christin zum Altar des Herrn;
Die dunklen Worte, die vorher erklangen,
Sie hielten ihr die ganze Erde fern;
Ein Todesschauer bleichte ihre Wangen
Und fast verglimmte ihres Auges Stern,
Denn, wer nicht würdig ißt und trinkt, so spricht
Gott selbst, der ißt und trinkt sich das Gericht.

Und dennoch hat sie heut' sich mir ergeben,
Wo jegliche Empfindung ihr's verbot;
Sie wagte einmal, ihren Blick zu heben,
Da sah sie mich und wurde wieder roth;
Nun nahte sie sich dem Altar mit Beben
Und nahm nur noch mit Angst das heil'ge Brot,
Und als sie auch verschüttete den Wein,
Da jauchzte ich: sie ist auf ewig mein!

Friedrich Hebbel (1813 - 1863)

Späte Einsicht von Wilhelm Friedrich Waiblinger



Späte Einsicht


Die Lieb' ist wie die Sonne,
Verwegner Uebermuth,
Der schaudernd in der Wonne
Der heißen Lebensgluth,
Den Lichtquell zu ergründen,
In seine Tiefe blickt,
Muß da zuletzt erblinden
Wo sich sein Herz entzückt.

Doch wer nur still bescheiden
Das sanfte Licht genießt,
Woraus ein Meer von Freuden
Für alle Wesen fließt,
Wer nie die letzte Quelle,
Nur ihre Wirkung sucht,
Den labt die Sonnenhelle,
Der keine Thräne flucht.

So denk' ich oft und meine,
Daß ich wohl gut gedacht.
Doch wenn ich trostlos weine
Hinaus in all' die Nacht,
Wenn sich mein Auge wendet
Zu Morgensternes Glanz,
Da fühl' ich's nicht geblendet,
Wohl aber blind es ganz.

Wilhelm Friedrich Waiblinger (1804 - 1830)

Werbung von Jakob Julius David



Werbung


Ja, Liebesgrüßen, Liebesleid,
Die hast Du mir gelehret
Du süße, stolze, schöne Maid,
Nach der mein Herz begehret;
Und ist mein Werben ungelenk,
Und mag Dir's nicht behagen:
Herzliebe, Traute, dann bedenk',
Ich lernt' es erst vor Tagen!

Ich bin ein Weih, der einsam zog
In Wolken seine Kreise,
Ein wilder Falk, der sich verflog;
Nun bin ich müd der Reise;
Nun dauert mich mein wirrer Flug,
Gern möcht' ich Heimstatt grüßen:
Der kleinste Platz wär mir genug,
Geliebte, Dir zu Füßen!

Jakob Julius David (1859 - 1906)

Arbeit von Joachim Ringelnatz



Arbeit


Ist es unrecht, die Arbeit zu lieben?

Warum sind sie aus dem Paradies vertrieben?
Jeder weiß es.

»Im Angesicht deines Schweißes ...« –
Nein anders: »Im Schweiß deines Angesichts
Sollst du dein Brot ...«, heißt es dort. – Wie?
Wunderlich! – Schweiß ist doch Arbeit. – Ist die
Arbeit Strafe des Höchsten Gerichts?

Geh, Exegesel, tu deine Pflicht,
Ohne daß du Verbotenstes frißt,
Und mit dem Verstande suche nicht,
Was dein Gewissen viel besser ermißt.

Joachim Ringelnatz (1883 - 1934)

Dämmerung von Heinrich Leuthold



Dämmerung


Wie lieb' ich jene Zeit, wenn schwach und schwächer
Der Tag verhallt mit seinen lauten Stimmen,
Und wenn im Grau der Dämmerung verschwimmen
Bastei und Aquaedukt und flache Dächer! –

Denn, wenn die Nacht ausspannt den dunkeln Fächer,
Darin der Sterne Diamanten glimmen,
Wenn Nachtigallen zum Gesange stimmen,
Dann, scheuen Schritts, verläßt du die Gemächer.

Ich aber harre dein, wo unter düstern
Weinranken, die die laue Nachluft würzen,
Mich Marmorsphynxen anseh'n weiß und lüstern,

Bis du dich nah'st, in meinen Arm zu stürzen,
Und fester nur mit deinem süßen Flüstern
Des eig'nen Lebens Räthsel mir zu schürzen.

Heinrich Leuthold (1827 - 1879)

Bergsee von Grete Gulbransson



Bergsee


Wie ist der See zur Mittagstund
Glasklar und wasserrein.
Komm, wirf den kleinsten Kieselstein
Ihm in das grüne Herz hinein,
Du siehst ihn bis zum Grund.

So ist mein Herz für dich bereit
Glasklar und wasserrein.
Komm, schau getrost und tief hinein,
Und was du siehst ist dein, ist dein,
In alle Ewigkeit.

Grete Gulbransson geb. Jehly (1882 - 1934)

Blind von Reinhard Johannes Sorge



Blind


Wo du säst Liebe aus,
In Traum verloren,
Wird dir in tiefer Nacht
Zartes geboren.

Blind wirfst du Liebe hin,
Blinder drängt dichte
Dir sich die Ernte hin –:
Weinst du Gedichte.

Reinhard Johannes Sorge (1892 - 1916)

Willst du? von Walter Calé



Willst du?


Willst du mit mir auf die Berge steigen,
heimlich und still, daß uns niemand sieht,
des Nachts, wenn alle Herzensquellen schweigen
und die große Sehnsucht erwacht und glüht?
Willst du?

Dann zeigʼ ich dir unten die goldenen Lande,
wo meine lebendigen Brunnen springen,
wo purpurne Lilienglocken klingen
am buntumspülten kristallnen Strande.

Willst du mit mir auf der Höhe knieen,
wenn Mitternacht Schlummer über uns gießt,
wenn die Sterne in ruhigem Wandel ziehen
und Seele in Seele überfließt?
Willst du?

Dann lös' ich mit trunken bebender Hand
deines Haares wallende Herrlichkeit,
dann lös' ich dein staub'ges Erdengewand
und hülle dich in mein Königskleid!

Willst du, wenn uns Atem des Lebens umquillt,
wenn Talesglocken und Seufzer verwehten,
wenn die Seele dem Dunkel entgegenschwillt,
willst du mit mir zur Mitternacht beten?
Willst du?

Dann küß' ich deinen rotglühenden Mund
aus tiefster Seele aufquellender Macht,
dann grüß' ich dein leise zitterndes Haar
und nenne dich Sehnsucht und Mitternacht

Walter Calé (1881 - 1904, Freitod)

Uralt... von Maria Luise Weissmann



Uralt...


Schweig, mein Geliebter; Mund auf Mund
Wurden wir groß, wurden wir alt
In einem nie gestillten Bund,
Alt wie der uralte Wald.

Alt wie der Mond, mein Lichtgesicht,
Bist du am Himmel tausend Jahr
O schmale Sichel aufgericht,
Der ich die Ernte war.

Alt wie das Meer, die dunkle Saat,
Nach dir gereift, sehnsüchtige Flut,
Steigt zwischen uns den ewigen Pfad
Dunkel das ewige Blut.

Maria Luise Weissmann (1899 - 1929)

An Apollon von Else Lasker-Schüler



An Apollon


Es ist am Abend im April.
Der Käfer kriecht ins dichte Moos.
Er hat so Angst – die Welt so groß!

Die Wirbelwinde hadern mit dem Leben,
Ich halte meine Hände still ergeben
Auf meinem frommbezwungenen Schoß.

Ein Engel spielte sanft auf blauen Tasten,
Langher verklungene Phantasie.
Und alle Bürde meiner Lasten,
Verklärte und entschwerte sie.

Jäh tut mein sehr verwaistes Herz mir weh –
Blutige Fäden spalten seine Stille.
Zwei Augen blicken wund durch ihre Marmorhülle
In meines pochenden Granates See.

Er legte Brand an meines Herzens Lande –
Nicht mal sein Götterlächeln
Ließ er mir zum Pfande.

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Die Liebe von Ludwig Heinrich Christoph Hölty



Die Liebe


Eine Schale des Harms, eine der Freuden wog
Gott dem Menschengeschlecht; aber der lastende
Kummer senket die Schale,
Immer hebet die andre sich.

Irren, traurigen Tritts wanken wir unsern Weg
Durch das Leben hinab, bis sich die Liebe naht,
Eine Fülle der Freuden
In die steigende Schale streut.

Wie dem Pilger der Quell silbern entgegenrinnt,
Wie der Regen des Mays über die Blüthen träuft,
Naht die Liebe; des Jünglings
Seele zittert, und huldigt ihr!

Nähm' er Kronen und Gold, mißte der Liebe? Gold
Ist ihm fliegende Spreu; Kronen ein Flittertand;
Alle Hoheit der Erde,
Sonder herzliche Liebe, Staub.

Loos der Engel! Kein Sturm düstert die Seelenruh
Des Beglückten! Der Tag hüllt sich in lichters Blau,
Kuß, und Flüstern und Lächeln
Flügelt Stunden an Stunden fort.

Herrscher neideten ihn, kosteten sie des Glücks,
Das dem liebenden ward; würfen den Königsstab
Aus den Händen, und suchten
Sich ein friedliches Hüttendach.

Unter Rosengesträuch spielet ein Quell, und mischt
Dem begegnenden Bach Silber. So strömen flugs
Seel' und Seele zusammen,
Wenn allmächtige Liebe naht.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748 - 1776)

Kommt! von A. de Nora



Kommt!


Ich bin nicht von der Asra Stamm geboren,
Die sterben müssen, wenn sie lieben!
Ich bin kein Baum, der alle Kraft verloren,
Wenn er die eine Frucht getrieben.

Mein Herz gleicht jenen Äckern, die voll Ähren
An reifen Sommertagen prangen
Und klirrend ihrer Schnitterin begehren ...
Und sieh, die Schnitt'rin kommt gegangen.

Mit hellen Augensternen oder dunkeln –
Mit blonden oder braunen Locken –
Und läßt die Sichel in der Sonne funkeln –
Und schneidet lachend ihren Roggen.

Mein Herz ist reich und süß ist seine Spende.
Kommt, schöne Schnitterinnen,
Und erntet Liebe! Liebe ohne Ende!
Denn immer neue sprießt darinnen.

A. de Nora (1864 - 1936)

Dreien Schwestern von Paul Fleming



Dreien Schwestern


So freundlich, so geneigt, so gütig an Geberden,
so zart, so tugendhaft, so götlich um und an,
als keine Göttin nicht geschätzet werden kan,
so hochbegabt seid ihr, ihr Gratien der Erden,
die durch die Himlischen mehr himlisch täglich werden,
die ihre Schwestern sind. Es glaubt es Iederman,
daß die Vollkommenheit sich ganz in euch vertan
und muß es auch der Neid bekennen ohn' Beschwerden.

Euphrosyne ist keusch, Thalia zart und schöne,
Aglaia from und gut. Diß liebliche Getöne
von so viel Tugenden macht eine Harmonei

mit solcher Treflichkeit in euren dreien Leibern,
daß Orpheus sich befragt bei allen klugen Weibern,
ob seiner Harfen Klang in euch verwandelt sei?

Paul Fleming (1609 - 1640)

Huldigung von Ludwig Heinrich Christoph Hölty



Huldigung


Euch, ihr Schönen,
Will ich fröhnen
Bis an meinen Tod,
Mit Gesangesweisen
Bis an meinen Tod
Eure Tugend preisen.

Ihr, o Guten,
Wohlgemuthen,
Macht das Leben süß,
Macht den Mann zum Engel,
Und zum Paradies
Eine Welt voll Mängel.

Wer die Süsse
Treuer Küsse
Nicht gekostet hat,
Irret wie verloren
Auf dem Lebenspfad,
Ist noch ungeboren.

Wer die Süsse
Treuer Küsse
Schon gekostet hat,
Glänzt vom Himmelsscheine;
Wo sein Fuß sich naht,
Blühen Rosenhaine.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748 - 1776)

Schach von Theobald Kerner



Schach


Sieh', der Springer in dem Schache,
Über dunkle, über lichte
Felder eilt er raubbegierig,
Ruft jetzt: "Schach der Königin!"

"Schach der Königin des Herzens,
Schach der auserwählten Dame!"
Rief ich; dunkle, lichte Stunden,
Alle übersprang ich muthig,
Ruhte nicht, bis du warst mein.

Theobald Kerner (1817 - 1907)

Letzte Liebe von Ferdinand von Saar



Letzte Liebe


Schon ist der Tag uns im Verglühen,
In letzter Schönheit prangt dein Leib;
Der Herzen allerletztes Blühen
Ist unser Glück, geliebtes Weib!

D'rum laß – o laß die Zeit uns frommen,
Und keine Stunde sei versäumt;
Von Wonne sei die Nacht durchglommen,
Und dann der Morgen hold verträumt.

Und jede Freude dieses Lebens
Soll noch durch uns're Seele geh'n;
Wir wollen sie, entzückten Bebens,
Noch ganz genießen und versteh'n.

Mag auch der Himmel leise nachten,
Und hält er seinen Blitz gezückt –
Wir wollen nimmer es beachten,
Wie nahe das Verhängniß rückt.

Und sterben laßt uns lebenstrunken,
Ist der Vernichtung Stunde da,
Wie einst im Tode hingesunken
Antonius und Cleopatra!

Ferdinand von Saar (1833 - 1906)

An Tristan von Else Lasker-Schüler



An Tristan


Ich kann nicht schlafen mehr,
Immer schüttelst du Gold über mich.

Und eine Glocke ist mein Ohr,
Wem vertraust du dich?

So hell wie du,
Blühen die Sträucher im Himmel.

Engel pflücken sich dein Lächeln
Und schenken es den Kindern.

Die spielen Sonne damit
Ja ..

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Ich gleite hin von Reinhard Johannes Sorge



Ich gleite hin


Ich hab mein Weh,
Ich hab mein Leid,
Ich fahre in
Die Ewigkeit.

Ich gleite hin
In süßen Schatten,
Ich ahne viel
Die lichten Matten.

Schon hör ich Spiel
Wie Flötentöne;
Es herzt mich schon
Die ewige Schöne.

Reinhard Johannes Sorge (1892 - 1916)

Anlaß zum Schlafe von Johann Wilhelm Ludwig Gleim



Anlaß zum Schlafe


Von Zefirs sanftem Säuseln
Bin ich oft eingeschlafen;
Vom Saft gepreßter Trauben
Bin ich oft eingeschlafen;
Im Schatten iunger Bäume,
Vom Schwarm der muntern Bienen,
Beim Sprudeln kleiner Quellen
Bin ich oft eingeschlafen;
Doch, soll ich ietzo schlafen:
So müssen Küsse rauschen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)

Die Liebe von Mia Holm



Die Liebe


Die Liebe willst du finden?
So suche sie im Mai,
Da sitzt auf Blütenbäumen
Die wunderholde Fei.

Da flattert allerwegen
Ihr weiches, grünes Haar,
Aus jeder Blume lächelt
Ihr Schelmenaugenpaar.

Doch soll ich gut dir raten,
So bleib ihr lieber fern,
Denn Necken und Betrügen,
Das hat sie gar zu gern.

Sie kost mit dir ein Weilchen
Und lässt dich dann allein,
Sie giebt für kurze Wonne
Dir lange, bange Pein.

Mia Holm (1845 - 1912)

Liebesgroßmuth von Betty Paoli



Liebesgroßmuth


Fragen möcht' ich dich mit süßem Bangen,
Wie sich deine Lieb' zu mir verloren?
Nach dem Höchsten durftest kühn du langen
Und statt seiner hast du mich erkoren!

O ich ahne, was dich an mich bindet:
In den Liebesketten, die dich halten,
Sieht mein Auge und mein Herz empfindet
Deiner Großmuth königliches Walten.

Weil von Sturmesgrimm und Wetterstrahle
All mein Sein versengt, versehrt, verschüttet,
Hast du auf das blüthenlose, fahle,
Deiner Seele Frühlingshort geschüttet.

Weil du mich gebeugt, entweiht vom Leben
In der dunkeln Menge aufgefunden,
Hast du, mich zu dir emporzuheben,
Lichte Kronen um mein Haupt gewunden.

Zu dem Wesen wolltest du dich wenden,
Dem versagt blieb jede Glückesgabe,
Daß es reich sei nur durch deine Spenden,
Daß es dir allein zu danken habe.

Daß es, im Bewußtsein dieses Bundes
Wie die Opferflamme liebentbrenne
Daß es leb' vom Hauche deines Mundes,
Daß es dein sei, wie ich dein mich nenne.

Betty Paoli (1814 - 1894)

Drohung ans Liebchen von Georg Heym



Drohung ans Liebchen


Ich liebe dich, du.
Ich laß dir nicht Ruh
Als bis du mir heut noch
Dein Herzchen weist zu.

Du nimm dich in acht,
Denn eh du's gedacht,
Was gilt's, hab ich heut noch
Zum Kuß dich gebracht.

Das Mäulchen nur spitz
Und denk, das sei Witz.
Das kümmert mich gar nichts.
Ich küß wie der Blitz.

Georg Heym (1887 - 1912)

Neapel von Carmen Sylva



Neapel


Ich dachte, das wäre die Liebe,
Nun weiß ich: sie war es nicht!
Es war ein flüchtiges, zartes,
Feinduftiges Frühlingsgedicht.

Es war nach dem ewigen Sterben
Ein Fliederblühen im Mai,
Und war mit den ersten Rosen
Verträumt, vergangen, vorbei.

Und in Neapel am Strande,
Da macht' ich in Buchsbaum ein Grab,
Und warf mit Orangen und Veilchen
Mein Jugendlieben hinab.

Und meinte, daß sehr zu beklagen
Ich sei, und gebrochen das Herz,
Und nährte in Mondschein und Düften
Den ersten schmerzlosen Schmerz.

Nie hab' ich von Menschenmunde
Das Wort: Ich lieb' dich! gehört,
Ich wäre wie Wellen vorm Winde
Entflohen, gekränkt und empört.

Ich war nicht zum Lieben geboren,
Und liebte das Liebhaben doch, –
Im sonnigen Gold von Neapel
Da lächelt in Blumen es noch.

Carmen Sylva (1843 - 1916)

Treue von Ludwig Fulda



Treue


Ich von dir lassen?
Kannst du's fassen?
Kannst du glauben,
Es könne die Welt
Mich dir rauben,
Der dich fest in den Armen hält?
Laß zusammen
Die Herzen glühen,
Laß sie entflammen
Und Funken sprühen;
Laß uns erproben
Mit tapferem Blick
Innig verwoben
Unser Geschick!
Du die Meine,
Ob Wogen sich türmen,
Ich der Deine
In Wettern und Stürmen;
Hab' dich gefunden
Durch Himmelsgebot,
Bin dir verbunden
Bis in den Tod.

Ludwig Fulda (1862 - 1939)

Liebeserklärung von Georg Friedrich Daumer



Liebeserklärung

Als einst von deiner Schöne,
O meine süße Wonne,
Ein Strahl entzückter Ahnung
Durch alle Himmel hin,
Durch die nun erst erhellten,
Sich breitete – geboren
Ward eine neue Gottheit;
Die Liebe war's, der Herzen
Gewaltige Königin.

Und über den Himmel schwang sie
Den flammensprüh'nden Zepter
Mit ihrer stolzen Hand;
Allein die Engel standen
Inmitten ihrer Feuer
Eiskalt und unentbrannt.
Da faßte Zorn die Göttin;
Sie flog zur Erde nieder,
Zu fühlender Menschen Herzen
Die Fittige gewandt.
Seit jenem Tage sprühen,
Seit jenem Tage glühen
Die Flammen ihres Zepters
Durch alles ird'sche Land.

Georg Friedrich Daumer (1800 - 1875)

Liebesgedanken von Max Dauthendey



Liebesgedanken

Meine Haare fliegen,
Bin auf hellen Winden,
Bin auf Flügelfüßen
In die Lüfte gestiegen.

Und mein Haupt steht golden
In den Abendwolken,
Purpurn wanken die Dolden
Meiner Liebesgedanken.

Max Dauthendey (1867 - 1918)

Frage von Otfried Friedrich Krzyzanowski



Frage


Ist deine Liebe wie eine Herde von Wölfen!
Lautlos rennt sie durch die endlose Steppe;
Ihnen heißt der Himmel, der endlos grau
Über den Wütigen hängt, ihr Hunger.

Oder lauerst du auf Beute:
Im Geröll als Natter verborgen?

Wer bist du? Gib acht: eine flüchtige Katze
Nimmt deine Seele mit sich.

Otfried Friedrich Krzyzanowski (1886 - 1918)

Ist's ein Traum? von Friedrich Wilhelm Gotter



Ist's ein Traum?

Ist's ein Traum?
Haben kaum
Sich gefunden,
Und schon sind,
So geschwind,
Als der Wind
Beyder Herzen
Auch verbunden! –

Wie sie scherzen!
Schmachtend blicken!
Sich die Hände
Voll Entzücken
Feurig drücken!

Macht ein Ende!
Ha, vor Neide
Werd' ich blind! –

Friedrich Wilhelm Gotter (1746 - 1797)

Die Pilger von Johann Wilhelm Ludwig Gleim



Die Pilger


Wir sind die Pilger treuer Liebe,
Wir gehn zu ihrem Tempel, still
Zu flehn um Dauer unsrer Triebe:
Wer ist, der mit uns gehen will?

Der Weg ist weit, und viel zu streiten
Mit vielen Feinden haben wir;
O möchten Ritter uns begleiten
Der treuen Liebe bis zur Thür!

O stände sie den Pilgern offen,
O kämen wir gesund hinein!
Erhörung haben wir zu hoffen,
Die Göttin soll erbittlich sein!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 - 1803)

Kampf von Friedrich Hebbel



Kampf


Oft, wenn sie still an mir vorüberschwebt
Und lächelnd beut des holden Grußes Segen
Und mild und treu den frommen Blick erhebt,
Da träume ich, beseligt und verwegen,
Die Liebe sei's, die Gruß und Blick durchwebt,
Und auch die kühnste Hoffnung will sich regen.

Doch bange Zweifel kehren bald zurück,
Und zu mir selber sprech' ich dann mit Reue:
Wie wär' nicht mild und treu ihr Gruß und Blick?
Sie ist ja selbst die Milde und die Treue!
Und schneller, als es kam, verweht mein Glück,
Und alle Wunden bluten mir auf's Neue.

Friedrich Hebbel (1813 - 1863)

Warum? von Thekla Schneider



Warum?


Um deiner Locken blond Gekräusel,
Um deiner Augen blaues Licht,
Um deine Rosen auf den Wangen,
Liebchen, liebe ich dich nicht.
Aber um der Seele willen,
Die aus deinem Angesicht
Wie aus einem goldumrahmten,
Reinen Spiegel zu mir spricht.

Thekla Schneider (1854 - 1936)

Weisst du von Rainer Maria Rilke



Weisst du

Weisst du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen –
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Das Lied der Liebe von A. de Nora



Das Lied der Liebe


Oft trägt ein Herz mit Schweigen
In sich schon lang
Sein Lieben, wie die Geigen
In sich den Klang.

Bis endlich drüber gleiten
Wird eine Hand,
Die plötzlich alle Saiten
Zum Spiele spannt –

Und weckt das stumme Sehnen,
Das drinnen schlief,
Und läßt sie bebend tönen,
So voll, so tief,

So wild und doch so leise,
So stark und müd –
Es ist die alte Weise,
Das alte Lied!

Mein Herz hat es gesungen
Wie Sturmgebraus!
– Die Saiten sind gesprungen –
– Das Lied ist – aus ...

A. de Nora (1864 - 1936)

Liebe von Ludwig Jacobowski



Liebe


Liebe ist wie alter
Flammenwilder Wein;
Liebe will mit Fürsicht
Fein genossen sein.

Tumbe nur und Toren
Trinken sich zur Qual,
Und mit langen Ohren
Taumeln sie ins Tal.

Doch der Zecher fürnehm
Ist im Rausche rar. –
So bleibt Lieb bei Liebe
An die hundert Jahr.

Ludwig Jacobowski (1868 - 1900)

Fannerl von Klabund



Fannerl


Hab dich doch lieb,
Fannerl,
Wenn die Sterne fallen,
Wenn die Sonne steigt.

Du duftest wie das Ried.
Du bist frisch wie ein Taumorgen.
Deine Hände betten mich an deine Brust,
Als wäre ich dein Enkelkind.

Unten im Gries
Fliesst die Isar.
Wollen wir Floss fahren
Bis ins Meer?

Tags ist es kühl bei dir
Wie im Schatten der Leutaschklamm.
Aber nachts
Brennst du wie der Mittag auf den Karwendelsteinen.

Wenn der Herbst kommt,
Wenn ich weiter muss –
Weine nicht,
Fannerl.

Klabund (1890 - 1928)

Und wenn von Novalis



Und wenn

Wenn sanft von Rosenhügeln
Der Tag nach Westen schleicht,
Der Nacht mit Schlummerflügeln
Und Sternenchor entweicht,

Will ich die Liebe singen
Auf der Theorbe hier,
Mein Lockenhaar umschlingen
Mit süßen Myrten ihr.

Es soll dann widertönen
In dieser Grotte Nacht
Das Loblied meiner Schönen,
Wenn nur die Quelle wacht.

Und wenn vom Morgensterne
Mir Wonne niederblinkt,
Und sich die heitre Ferne
Mit Rosenkranz umschlingt,

Tön ich in kühlen Klüften
Auch meiner Liebe Lied,
Umtanzt von Blumendüften,
Wenn aller Schlummer flieht,

Und rund um mich erwachet
Der Nachtigallen Chor
Und jede Aue lachet
Und jeder Hirt ist Ohr:

Nein, Süßers als die Liebe
Empfand kein Sterblicher,
Was hie bevor war trübe,
Wird durch sie lieblicher.

Novalis (1772 - 1801)

Die Lieb' ist eine Nachtigall ... von A. de Nora



Die Lieb' ist eine Nachtigall ...


Die Lieb' ist eine Nachtigall
Und weilt nicht gern an jenem Ort,
Wo Stürme tosen allzusehr;
Und wenn es kalt wird um sie her,
Dann zieht sie fort.

Die Lieb' ist eine Nachtigall.
Das wunderschönste Lied hat sie;
Doch wo noch eine Brust durchzieht
Der andern Leidenschaften Lied,
Erklingt es nie.

Die Lieb' ist eine Nachtigall.
So ärmlich ist ihr Tageskleid.
Doch in der Mondschein-Nächte Glanz
Liegt ihr die Welt zu Füßen ganz
In Seligkeit.

Die Lieb' ist eine Nachtigall.
Im gold'nen Käfig singt sie nicht.
Doch wem sie einst im Walde sang,
Der mag ihr Lied sein Leben lang
Vergessen nicht.

A. de Nora (1864 - 1936)

Bei Ragatz von Heinrich Leuthold



Bei Ragatz


Dort, wo der Rheinstrom breit und träg
hinfluthet durch's Markgrafenland,

Dort knüpften wir ein inniges,
ein engumschlingend-festes Band.

Hier, wo er voll von Jugendmuth
dahin sich stürzt in raschem Lauf,

Hier wurde uns're Liebe kalt,
hier hörte sie zu lieben auf.

In's Leben wonnetrunk'ner Lust
stürzt' ich hinein mich rasch und wild;

Da war ich stolz, da war ich kühn,
war ganz des jungen Rheines Bild.

Doch seit – wie dieser Strom sich gießt
in's blaue, ruhig-große Meer –

Ich mich so ganz verlor in ihr,
find' ich mein eigen Selbst nicht mehr.

Heinrich Leuthold (1827 - 1879)

Ein Rudel kleiner Wolken von Max Dauthendey



Ein Rudel kleiner Wolken


Ein Rudel kleiner Wolken
Schwimmt durch die Abendhelle,
Wie graue Fische im Meere
Durch eine blendende Welle.

Und Mückenscharen spielen
Im späten Winde rege,
Sie tanzen zierliche Tänze
Am warmen staubigen Wege.

Und zwischen Wolken und Erde,
Über die Bäume, die schlanken
Zieh'n auf der Straße zum Monde
Die uralten Liebesgedanken.

Max Dauthendey (1867 - 1918)

Morgentau von Adelbert von Chamisso



Morgentau


Wir wollten mit Kosen und Lieben
Genießen der köstlichen Nacht.
Wo sind doch die Stunden geblieben?
Es ist ja der Hahn schon erwacht.

Die Sonne, die bringt viel Leiden,
Es weinet die scheidende Nacht;
Ich also muß weinen und scheiden,
Es ist ja die Welt schon erwacht.

Ich wollt, es gäb keine Sonne,
Als eben dein Auge so klar,
Wir weilten in Tag und in Wonne,
Und schliefe die Welt immerdar.

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838)

Blüte von August Stramm



Blüte


Diamanten wandern übers Wasser!
Ausgereckte Arme
Spannt der falbe Staub zur Sonne!
Blüten wiegen im Haar!
Geperlt
Verästelt
Spinnen Schleier!
Duften
Weiße matte bleiche
Schleier!
Rosa, scheu gedämpft, verschimmert
Zittern Flecken
Lippen, Lippen
Durstig, krause, heiße Lippen!
Blüten! Blüten!
Küsse! Wein!
Roter
Goldner
Rauscher
Wein!
Du und Ich!
Ich und Du!
Du?!

August Stramm (1874 - 1915)

Ach ja von Ada Christen



Ach ja

Ach ja, es ist nur allzu wahr,
Was nützt dir mein Lieben und Leben,
Und würd' ich aus den Adern
Mein rothes Blut dir geben.

Blut ist Blut und bleibt es,
Und wird ja nie zu Geld,
Und Geld gehört zum Leben:
Das ist der Lauf der Welt.

Mein Leben nützt dir nichts;
Bezahlte man mich für's Sterben,
Ich stürbe ja gerne morgen
Um Alles dir zu vererben.

Ada Christen (1839 - 1901)

Der kluge Vogel von Gustav Falke



Der kluge Vogel


Läuft ein Bach durch die Au,
durch die grüne, grüne Au,
steht ein Holderbusch dran,
singt ein Vogel dann und wann:
Kuckuck, kuckuck.

Wollt wissen, ob mein Schatz,
o mein lieber, lieber Schatz,
einen andern geküßt;
rief er schnell, als ob er's wüßt:
Kuckuck, kuckuck, kuckuck, kuckuck;
und ich lief und lief und lief,
bis der Vogel nicht mehr rief.

Gustav Falke (1853 - 1916)

Keimende Liebe von Ludwig Scharf



Keimende Liebe


Was weinst du, weinst Du armes Herz?
Was weinst du denn so sehr
Fraß in der Nacht dein Liebesschmerz
Als sonst in Nächten, mehr?

Sieh doch hinaus: Der Sonne Licht,
Das blaue Himmelszelt,
Die Triebkraft, die durch Zweige bricht –
Wie Alles wohlbestellt!

Sieh doch hinaus, die Nachbarin
Stellt Blumenstöcke auf:
Bald schlagen sie – wie lang ist's hin? –
Die Blüthenaugen auf!

Sieh doch hinaus und fürchte nichts,
Werd' wieder gut und jung!
Und unterm Strahl des Himmellichts
Flieg auf mit Lerchenschwung!

Dann wird dir noch ein gold'ner Tag
Von dem Geschick beschert,
Mit Rosenblust und Amselschlag –
Ein Tag des Lebens werth

Und was in Kissen dir die Nacht
Geraunt ins bange Herz,
Wird schwingenleicht und trägt dich sacht
Durch Wolken sonnenwärts!

Ludwig Scharf (1864 - 1938)

Und dein Haar von Rainer Maria Rilke



Und dein Haar

… Und dein Haar, das niederglitt,
nimm es doch dem fremden Winde, –
an die nahe Birke binde
einen kußlang uns damit.

Dann: zu unseren Gelenken
wird kein eigner Wille gehn.
Das, wovon die Zweige schwenken
das, woran die Wälder denken
wird uns auf und nieder wehn.

Näher an das Absichtslose
sehnen wir uns menschlich hin;
laß uns lernen von der Rose
was du bist und was ich bin …

Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)

Die böse Sieben von Hermann Löns



Die böse Sieben


Am Wirtshaus an der Straße
Sieben Birkenbäume stehn;
Die sieben grünen Bäume,
Die will ich gar nicht sehn.

Die Sieben, ja die Sieben
Ist eine böse Zahl;
Sieben wunderschöne Mädchen,
Die liebte ich einmal.

Sechs Rosen ohne Dornen
Die waren mein fürwahr;
Die siebte, die ich pflückte,
Voll Dorn und Distel war.

Die siebte von den Sieben
Die Kunst sie wohl verstand;
Sie führt mich zum Altare
Mit ihrer weißen Hand.

Die sieben Birkenbäume,
Die gehen hin und her;
Ade, ihr roten Rosen,
Ich pflücke keine mehr.

Hermann Löns (1866 - 1914)

Ohne Liebe von Clara Müller-Jahnke



Ohne Liebe


Dein Fuß zertrat den Veilchenstrauß,
den eine Kindeshand gewunden,
ins Leben stürmtest du hinaus;
hoch stieg dein Stern, – im eignen Haus
nur hast du nie das Glück gefunden.

Und nun dein Stolz in Scherben bricht,
– was liegt daran, ob selbst verschuldet, –
nun tröstet dich kein traut Gesicht:
du nahmst ins Haus die Liebe nicht,
die alles hofft und trägt und duldet.

O, wär der Weg nicht meilenweit,
nicht alle Brücken abgebrochen,
ich ständ noch heute dir zur Seit.
mit einem Gruß der Jugendzeit
an deine trotzge Brust zu pochen.

doch unausfüllbar gähnt die Kluft,
mag noch so bang das Herz erbeben,
– verweht ist lang der Veilchenduft,
und keines Gottes Stimme ruft
die toten Blüten mehr ins Leben.

Clara Müller-Jahnke (1860 - 1905)

An * von Adolf von Tschabuschnigg



An *


Leise kam es, wie so Vieles,
Unter Scherz und unter Lust
Stand ich an dem End' des Zieles,
Des Erringens unbewußt.

Und des Glükes schöne Spende
Nannt' ich froh und dankend mein,
Drükte seelig dir die Hände,
Und mein ganzes Herz war dein.

Wie gekommen, so vergangen,
Ferne seh' ich wieder dich,
Freude glüht auf deinen Wangen,
Aber, ach! kein Strahl für mich.

Und das Herz will trüb' sich regen,
Alte Wünsche werden wach, –
Sieh', da zieht auf fernen Wegen
Jedes stumm dem Schiksal nach.

Adolf von Tschabuschnigg (1809 - 1877)

An F – von Edgar Allan Poe



An F –


Geliebte! mitten in der Qual,
Die meinen Erdenpfad umdrängt
(Ach, trüber Pfad, den nicht einmal
Einsam erhellt einer Rose Strahl),
Meine Seel' an einem Troste hängt:
An Traum von dir – der allemal
Mir Frieden bringt aus Edens Tal.

So ist das Deingedenken mir
Wie fern verwunschnes Inselland
Inmitten aufgewühlter Gier
Des Ozeans: ein Meer-Revier
In Sturm – indes doch unverwandt
Ein heitrer Himmel blauste Zier
Grad über jenes Eiland spannt.

Edgar Allan Poe (1809 - 1849)

Der Funke der Liebe von Ida Gräfin von Hahn-Hahn



Der Funke der Liebe


Der Funke der Liebe, im Herzen geboren,
Geht nimmer Dem, der ihn empfunden, verloren,
Er glühet und brennt in die Ewigkeit fort;
Denn wäre dem Menschen die Kraft nicht gegeben,
Zu lieben bis hin ins unsterbliche Leben,
So gäb's wahre Liebe nicht hier und nicht dort.

Nicht wird er entzündet an rosigen Wangen,
Und nicht an dem Feuer des Jugendverlangen,
So flüchtigem Dienste ist er nicht geweiht.
Und selber die Freude auf schimmerndem Flügel,
Sie bringet ihm nicht der Unsterblichkeit Siegel. –
Der Funke der Liebe wohnt über der Zeit.

Und nicht kann er langsam mit Tagen veralten,
Auch nicht an dem Eise der Jahre erkalten,
Das andre so heiße Gefühle verwischt.
Es mögen auch glühende Thränen erzählen,
Daß still sie gebrochen die mildesten Seelen; –
Der Funke der Lieb' nicht in Thränen erlischt.

Die Asche der Theuren selbst kann ihn nicht decken;
Er weiß aus Zerstörung das Leben zu wecken,
Und Gräber und Staub hemmen nicht seinen Lauf.
Denn so wie der Phönix aus rein'genden Flammen, –
Bricht einstens das Erdengerüste zusammen, –
So schwingt er sich froh zur Unsterblichkeit auf.

Ida Gräfin von Hahn-Hahn (1805 - 1880)

Coralie von Frank Wedekind



Coralie


II
Wie dort durch der Brandung Zischen
Sich erstreckt der Hafendamm,
So erstrecke ich mich zwischen
Dich und deinem Bräutigam.

Auf neutralem Boden schlummern
Ist mir ein besondrer Reiz,
Wie das Leben zwischen Pummern
Und Palermo in der Schweiz.

Eisig krappelt's übern Rücken,
Schloßenschauer fühl ich nah;
Hingestreckt vor meinen Blicken
Feurig glüht Italia

Frank Wedekind (1864 - 1918)

Liebe ohne Hoffnung von Friedrich Ludewig Bouterwek



Liebe ohne Hoffnung


Wer nicht dann noch lieben kann,
Wenn die Hoffnungen verwehen,
Schwingt sich zu den Himmelshöhen
Wahrer Liebe nie hinan.

Herzen, die das Glück besticht,
Folgen nur verwöhntem Triebe,
Lieben nur den Preis der Liebe,
Lieben die Geliebte nicht.

Liebe trägt sich selbst, und hält
Ihren Fittich unter Blitzen,
In sich fest und ohne Stützen,
Wie des Himmels Sternenwelt.

Friedrich Ludewig Bouterwek (1766 - 1828)

An – von Heinrich Leuthold



An –


Einst hab' ich fest an meine Kraft geglaubt.
Wie hat der Ehrgeiz diese Brust durchwühlt!
Die Schläfe hab' ich pochen oft gefühlt,
Als wäre sie von einem Kranz umlaubt.

Der grüne Baum der Hoffnung ist entlaubt.
Die Liebe ist's, die jetzt die Ruh' mir stiehlt,
Wenn deine weiße Hand die Stirn mir kühlt
Und in dem Schooß dir liegt mein krankes Haupt.

Wohl fahr' ich wie im Traume oft empor:
»Verträumt die Jugendzeit, die hinter mir –
Wie weit das Ziel, das ich mir einst erkor!«

Doch schau' ich in dein lieblich Auge dir,
Dann miss' ich gern die Welt, die ich verlor; –
Ich habe dich, den Himmel ja dafür!

Heinrich Leuthold (1827 - 1879)

Ich liebe dich..... von Else Lasker-Schüler



Ich liebe dich.....


Ich liebe dich
Und finde dich
Wenn auch der Tag ganz dunkel wird.

Mein Lebelang
Und immer noch
Bin suchend ich umhergeirrt.

lch liebe dich!
Ich liebe dich!
Ich liebe dich!

Es öffnen deine Lippen sich.....
Die Welt ist taub,
Die Welt ist blind

Und auch die Wolke
Und das Laub –
– Nur wir, der goldene Staub
Aus dem wir zwei bereitet:
– Sind!

Else Lasker-Schüler (1869 - 1945)

Die singende Muschel von Francisca Stoecklin



Die singende Muschel


Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.

Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

Francisca Stoecklin (1894 - 1931)

Sphinx von Ludwig Jacobowski



Sphinx


Und wärst du das teuflische Nixenweib,
Das die Seele mir saugt aus dem sehnenden Leib,
Mit grausamem Blick im düst'ren Gesicht, –
Ich fürchte mich nicht, ich fürchte dich nicht!

Und ruhten wir beide so Brust an Brust,
Und rissest das Herz du mir aus vor Lust,
Ich schaute dich an, ich lachte dich an
Und wär' noch im Sterben ein seliger Mann.

Ludwig Jacobowski (1868 - 1900)

Abendgang von August Stramm



Abendgang


Durch schmiege Nacht
Schweigt unser Schritt dahin
Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen
Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt
In Schatten
Uns!
Hoch flimmt der Stern
Die Pappel hängt herauf
Und
Hebt die Erde nach
Die schlafe Erde armt den nackten Himmel
Du schaust und schauerst
Deine Lippen dünsten
Der Himmel küßt
Und
Uns gebärt der Kuß!

August Stramm (1874 - 1915)

Abendstunde von Walter Calé



Abendstunde


Es weht dein ferner Atem
mich sachte kühlend an.
Ganz tief lieg' ich verwoben
in dieser Stunde Bann.

Und alles unser Wissen
zerrinnt in Abendglut,
von allen unsern Worten
bleibt eins nur: sei mir gut!

Walter Calé (1881 - 1904, Freitod)

Die wilde Rose von Karl Friedrich May



Die wilde Rose


Es glänzt der helle Thränenthau
In Deinem Kelch, dem todesmatten;
Du sehnst Dich nach des Himmels Blau
Hinaus aus düstrem Waldesschatten.
Es rauscht der Bach am Felsenspalt
Sein melancholisch Lied.
Hier ists so eng, hier ists so kalt,
Wo nie der Nebel flieht.

Du meine süße Himmelslust,
O traure nicht und laß das Weinen!
Dir soll ja stets an treuer Brust
Die Sonne meiner Liebe scheinen.
Drum schließe Deine Augen zu,
Worin die Thränen glühn.
Ja, meine wilde Rose, Du
Sollst nicht im Wald verblühn!

Karl Friedrich May (1842 - 1912)


Die allerschönste Blume von Johann Dietrich Lüttringhaus



Die allerschönste Blume

Die allerschönste Blume,
Die hier dem Menschen blüht,
Die süße Himmelsdüfte
Ihm hauchet ins Gemüt,
Dies wunderbare Blümelein,
– Du rätst wohl, wie es heißt –
Mit Tränen will's begossen sein,
Daß du's nur weißt!

Johann Dietrich Lüttringhaus (1814 - 1888)

Das geliebte Herz von Karoline von Günderode



Das geliebte Herz


Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Grenzen schwinden
Und des Daseins Pein.

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verloren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind's doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick.
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.

Karoline von Günderode (1780 - 1806, Freitod)

Kann der Winter von Johann Rist



Kann der Winter 

Kann der Winter alles zähmen,
Kann er töten Laub und Gras,
Kann er schon die Frücht' uns nehmen,
Kann er zwingen alles Naß,
Ei, sie muß er doch mit Schanden
Von den Herzen ziehn ab,
Die mit festen Liebesbanden
Sich verknüpfen bis ans Grab.

Johann Rist (1607 - 1666)

Heimliche Liebe von Karl Stieler



Heimliche Liebe


Es ist genug der Hände Drücken
Der Füße Tritt, der Augen Nicken,
Wenn, Liebchen, wir bei Leuten sind.
Hör' auf mit weitern Liebeswerken;
Man will es fast zu deutlich merken,
Daß wir uns lieben, gutes Kind.

Sind wir dann insgeheim beisammen,
So lüste frei die heißen Flammen;
Bin ich doch, Närrchen, allzeit dein.
Dann können wir uns satt ja küssen
Und, was wir je zuweilen missen,
Mit Wucher bringen wieder ein.

Karl Stieler (1842 - 1885)

Nacht mit Laternen von Max Dauthendey



Nacht mit Laternen

Da die Nacht mit Laternen noch draußen stand,
Der Schlaf und der Träume glitzernder Fächer
Um Haus und Himmel ausgespannt,
Da sang an mein Bett weit über die Dächer,
Da sang vor der Stund', eh' mit bläulicher Hand
Der Morgen sich unter den Sternen durchfand,
Eine Amsel aus Finster und Fernen.
Eh' noch den Laternen das Licht verflackt,
Hat schon die Amsel die Sehnsucht gepackt.
Sie sang, von Inbrunst aufgeweckt,
Mit dem Herz, das ihr heiß in der Kehle steckt.
Sie sang von Lieb', die sich aufgemacht
Und durch die schlafenden Mauern lacht.

Max Dauthendey (1867 - 1918)

Harlekins Liebes-Carmen von Christian Reuter



Harlekins Liebes-Carmen


Lisette, liebster Rosenstock,
Meines Herzens Zucker-Stengel,
Du meines Leibes Unter-Rock
Mein Schatz und tausend Engel.
Vernimmm den Klang,
Und schönen Gsang,
Die saubern Ritornellen,
So klingen wie Kuhschellen.

Und diß geschieht zu Ehren dir,
Weil ich dich herzlich liebe,
Das Herz in Hosen zittert mir,
Aus lauter Liebes-Triebe,
Du wirst ja auch,
Nach Handwerks-Brauch,
Mich recht von Herzen meynen,
Sonst müßt ich todt mich greinen.

Ach mache mir doch auff geschwind,
Du wertheste Lisette,
Ach lasse mich doch ein, mein Kind,
Mein Schatz, zu dir ins Bette,
Denn Harlekin,
Dein Herz und Sinn
Erwartet dein mit Schmerzen,
Thu auff und laß dich herzen!

Christian Reuter (1665 - 1712)

Liebeseifer von Martin Opitz



Liebeseifer


Ach Liebste laß uns eilen!
Noch ist es Zeit
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß
Daß alles, was wir haben,
Uns schwinden muß.

Der Wangen Ziehr verbleichet
Das Haar wird greiß
Der Augen Feuer weichet
Die Brunst wird Eiß.

Das Mündlein von Korallen
Wird ungestalt,
Die Hände, sie verfallen
Und du wirst alt.

Drum laß und jetzt genießen
Der Jugend Frucht
Eh' als wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest,
So liebe mich;
Gib mir – das, wann du gibest,
Verlier auch ich.

Martin Opitz (1597 - 1639)

Zorn von Ada Christen



Zorn


Reize mich nicht – o reize mich nicht!
Ich könnte sonst vergessen,
Wie viel ich thörichte Liebe für Dich
Und Selbstverleugnung besessen!

Ich könnte vergessen, was ich Dir galt
Und was ich um Dich gelitten,
Drum reize mich nicht – o reize mich nicht,
Zur Stunde kann ich noch bitten!

Doch wehe! wenn ich es nicht mehr kann,
Dann kenn' ich kein Zögern und Schwanken,
Du weißt, wenn meine Lippe zuckt,
Dann morden die bösen Gedanken.

Ada Christen (1839 - 1901)

Herz im Leibe von Friedrich Martin von Bodenstedt



Herz im Leibe 

Oh, wie mir schweren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!

Herab vom Rücken weht
Ein blendend weißer Schauer;
Durch ihre Augen geht
Ein wunderbares Feuer;
Die schwarzen Locken wühlen
Um ihres Nackens Fülle;
Der Leib, der Busen fühlen
Sich eng in ihrer Hülle.
Allüberall Bewegung,
Allüberall Entzücken,
Daß sich in toller Regung
Die Sinne mir berücken,
Daß wunderbaren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!
Narzissen blühn und Rosen
Um himmelblauen Kleide,
Darunter flammen Hosen
Von feuerroter Seide –
Die kleinen, zarten Füße,
Die weichen, feinen Hände,
Der Mundrubin, der süße,
Der Zauber ohne Ende!

Oh, wie mir schweren Dranges
Das Herz im Leibe bebt,
Wenn sie so leichten Ganges
An mir vorüberschwebt!

Friedrich Martin von Bodenstedt (1819 - 1892)

Kaffeekasse

Diese Aktivierungsideen werden von mir sorgfältig zusammengestellt und sind für Sie kostenlos zugänglich. Und so soll es auch bleiben. Aber aktivierungen.blogspot.com kann durch die Werbeeinnahmen nicht decken, um die Finanzierung der Beiträge in Zukunft zu sichern, gibt es eine Kaffeekasse.

Blog Newsletter

Neue Ideen per Newsletter bekommen
hier anmelden

Neuheiten