Warenkunde - Die Geschichte der Kartoffel

Die Kartoffel gehört für viele Senioren zu den vertrauten Lebensmitteln, die mit Erinnerungen an Kindheit, Familie und frühere Zeiten verbunden sind. Kaum ein anderes Nahrungsmittel bietet so viele Möglichkeiten, gemeinsam ins Gespräch zu kommen und persönliche Erinnerungen wach werden zu lassen. Die Geschichte der Kartoffel nimmt die Teilnehmer mit auf eine Reise von den Anden bis in unsere Küchen und zeigt, welche Bedeutung die Kartoffel im Laufe der Zeit gewonnen hat. Nach dem Vorlesen der Geschichte können verschiedene Aktivierungsideen eingesetzt werden, die sich ganz unkompliziert an die Interessen und Fähigkeiten der Senioren anpassen lassen. Dabei können die Sinne angesprochen, das Gedächtnis aktiviert und vertraute Erinnerungen geweckt werden. Auch Bewegung, Sprache, Wahrnehmung und bekannte Bräuche rund um die Kartoffel lassen sich spielerisch einbeziehen. Besonders schön ist es, wenn die Senioren von eigenen Erfahrungen erzählen, zum Beispiel von der Kartoffelernte, vom Arbeiten auf dem Feld oder von früheren Lieblingsgerichten. So wird aus der Geschichte nicht nur eine informative Einheit, sondern ein lebendiger Anlass zum Erinnern, Erzählen, Mitmachen und gemeinsamen Erleben.

 
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Warenkunde - Die Geschichte der Kartoffel



Die Geschichte der Kartoffel

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Kapitel 1: Vorwort
Preußen irgendwann Mitte des 18. Jahrhunderts. Auf einem Feld außerhalb von Berlin stehen Soldaten mit Gewehren und bewachen eine Ernte. Keine Goldlieferung, kein Waffenlager. Sie bewachen Kartoffeln und der König selbst hat den Befehl dazu gegeben.

Was wie ein schlechter Witz klingt, war einer der cleversten Schachzüge der europäischen Geschichte. Denn Friedrich II. von Preußen wusste genau, was er tat. Er wusste, dass die Menschen das begehren, was ihnen verboten wird. Und er wusste, dass diese unscheinbare Knolle die Macht hatte, sein Volk vor dem Hungertod zu retten.

Was er nicht wusste: Diese Knolle würde nicht nur Preußen verändern, sondern die ganze Welt. Sie würde Millionen Menschen das Leben retten und Millionen Menschen das Leben kosten.

Das hier ist die Geschichte der Kartoffel. Und sie ist wilder, als man denkt.

Sie beginnt nicht in Preußen und nicht in Europa. Sie beginnt Tausende Kilometer entfernt, hoch oben in den Anden Südamerikas, in einer Landschaft aus Eis und Gestein, in der kaum etwas wächst.

Vor etwa 7.000 Jahren begannen die Ureinwohner der Anden in der Region um den Titicacasee zwischen dem heutigen Peru und Bolivien eine wilde Pflanze zu kultivieren.

Das Hochland der Anden ist einer der unwirklichsten Orte der Welt. Dünne Luft, extreme Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und Böden, auf denen die meisten Pflanzen nicht gedeihen. Und genau dort, auf den windgepeitschten Hochebenen über den Wolken, entdeckten die Menschen eine Pflanze, die auf den ersten Blick nichts Besonderes war: kleine, bittere und teilweise giftige Knollen, die tief in der Erde wuchsen.

Doch diese Pflanze hatte eine entscheidende Eigenschaft: Sie wuchs dort, wo sonst kaum etwas gedeihen konnte. Auf 3.000 bis 4.000 Metern Höhe, wo der Wind kalt über die Hochebenen fegte und Mais längst nicht mehr gedieh, lieferte diese Knolle noch zuverlässige Erträge.

Und nicht nur das. Im Vergleich zu Getreide produzierte die Kartoffel auf derselben Fläche ein Vielfaches an Kalorien. Ein kleines Stück Land reichte aus, um eine ganze Familie zu ernähren.

Die Völker der Anden nannten sie „Papa“. Das Wort stammt aus dem Quechua, der Sprache der Inka, und bedeutet schlicht „Knolle“. Im Spanischen heißt die Kartoffel bis heute so.


Kapitel 2: Die Kartoffel als Lebensgrundlage der Inka
Für die Inka war die Kartoffel weit mehr als nur ein Nahrungsmittel. Sie war die Grundlage ihres Überlebens, das Fundament ihres Reiches und der Taktgeber ihres Alltags.

Religiöse Feste richteten sich nach den Pflanz- und Erntezeiten der Kartoffel. Ganze Gemeinschaften organisierten sich um ihren Anbau und ihre Ernte.

In einer Welt ohne Schrift und ohne Geld war die Kartoffel beides zugleich: Nahrung und wirtschaftliche Grundlage.

Die Vielfalt, die die Menschen in den Anden züchteten, ist bis heute kaum zu begreifen. Über 4.000 verschiedene Kartoffelsorten existierten allein in den Anden. Rote, gelbe, violette und weiße, große und kleine, süße und bittere, knollige und längliche. Jede Sorte war an eine bestimmte Höhenlage, einen bestimmten Boden oder ein bestimmtes Klima angepasst.

Den Inka waren mehr als 40 Nutzpflanzen bekannt, aber keine war wichtiger als die Kartoffel. Sie war ihr tägliches Brot, lange bevor Europa überhaupt wusste, was Kartoffeln waren.

Doch die Inka mussten noch ein ganz anderes Problem lösen. Frische Kartoffeln verderben innerhalb weniger Tage. Für ein riesiges Reich, das seine Armeen über hunderte Kilometer versorgen musste, war das ein gewaltiges Hindernis.

Also entwickelten sie eine Methode, die ihrer Zeit weit voraus war: die Gefriertrocknung.

Das Produkt hieß Chuño und seine Herstellung war so einfach wie genial. Die Inka legten kleine Kartoffeln auf den eiskalten Boden der Hochebene und ließen sie in den Frostnächten gefrieren. Tagsüber tauten die Knollen in der intensiven Sonne der Anden wieder auf. Diesen Zyklus wiederholten sie mehrere Tage lang.

Anschließend traten sie mit den Füßen auf die Kartoffeln und pressten das restliche Wasser heraus. Am Ende blieben kleine, schrumpelige, schwarze Klumpen übrig, die kaum etwas wogen und jahrzehntelang gelagert werden konnten. Manche Berichte sprechen sogar von noch längeren Zeiträumen.

Chuño war ein wichtiger Bestandteil der Versorgung des Inka-Reiches. Es war leicht, nahrhaft und verdarb nicht. Karawanen transportierten Chuño aus den Bergen an die Küste, und in staatlich kontrollierten Lagerhäusern stapelten sich die Vorräte für Feldzüge und Hungerperioden.

Der Geograf Carl Troll argumentierte sogar, dass der Aufstieg des Inkareichs ohne Chuño nicht möglich gewesen wäre. Ohne eine haltbare und transportierbare Nahrungsquelle hätte kein Heer die gewaltigen Distanzen überwinden können, die das Inkagebiet umspannte.

Die Gefriertrocknung einer Kartoffel, durchgeführt mit nichts als Frost und menschlicher Arbeit, war damit im Grunde eine strategische Schlüsseltechnologie.

Archäologen fanden an der Küste Südperus zwei rund 500 Jahre alte Chuño-Stücke in einem Keramiktopf. Die Fundstelle lag etwa 500 Kilometer von den Bergen entfernt, in denen Chuño hergestellt wurde. Der Fund zeigt, wie weit das Versorgungsnetz der Inka reichte und wie lange die konservierten Knollen tatsächlich haltbar sein konnten.


Kapitel 3: Die Spanier bringen die Knolle nach Europa
Dann kamen die Spanier und mit ihnen begann ein völlig neues Kapitel in der Geschichte der Kartoffel.

1532 landete der Conquistador Francisco Pizarro an der Küste Perus. Innerhalb weniger Jahre zerstörte er das Inkareich, raubte Gold und versklavte die Bevölkerung.

Die Kartoffel interessierte ihn zunächst kaum. Sie war kein Gold und ließ sich nicht einschmelzen. Doch spanische Chronisten bemerkten die seltsame Knolle, die in der Erde wuchs.

1553 schrieb Pedro de Cieza de León als einer der Ersten über die Kartoffel. Er hatte die Anden durchquert und war immer wieder auf die Knolle gestoßen.

Irgendwann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangte die Kartoffel nach Europa, wahrscheinlich über zwei voneinander unabhängige Wege: einmal nach Spanien und einmal nach England.

Dort begann eines der seltsamsten Kapitel der europäischen Nahrungsgeschichte. Fast 200 Jahre lang wurde eine der nützlichsten Pflanzen der Welt behandelt wie ein Feind.

Die Europäer wussten schlicht nicht, was sie mit der Kartoffel anfangen sollten. In Italien nannte man sie „Tartufoli“, weil sie entfernt an Trüffel erinnerte. Daraus entwickelten sich im Deutschen Begriffe wie Tartuffel und schließlich Kartoffel.

Der Botaniker Caspar Bauhin gab ihr den wissenschaftlichen Namen Solanum tuberosum esculentum, also essbarer knolliger Nachtschatten.

Allein das Wort „Nachtschatten“ machte vielen Menschen Angst.

In der Schweiz kam die Kartoffel zunächst als Zierpflanze in botanische Gärten, weil ihre violetten Blüten so hübsch waren. In Frankreich hielt man sie für giftig und auch in Deutschland betrachtete man sie mit Argwohn.

Das Misstrauen war nicht völlig unbegründet. Die Kartoffel gehört zur Familie der Nachtschattengewächse, genau wie die Tollkirsche und der Stechapfel. Wer die oberirdischen grünen Beeren der Kartoffelpflanze aß, konnte tatsächlich krank werden.

Manche Bauern versuchten genau das. Niemand hatte ihnen erklärt, dass man die Knollen unter der Erde essen sollte und nicht die Früchte über der Erde.

Die Folge waren Magenkrämpfe, Übelkeit, Durchfall und in schweren Fällen Vergiftungserscheinungen.

Der Schluss vieler Menschen war entsprechend einfach: Diese Pflanze musste vom Teufel geschickt worden sein.

In manchen Regionen hielt sich das Gerücht, die Kartoffel verursache Lepra. In anderen hieß es, sie mache unfruchtbar. Auch die Kirche stand der Knolle skeptisch gegenüber, weil sie in der Bibel nicht erwähnt wird.

Fast 200 Jahre lang blieb die Kartoffel in Europa ein Kuriosum, ein Sammlerstück für Botaniker, eine hübsche Blume für Adelsgärten und ein Gesprächsthema für Gelehrte – alles Mögliche, nur kein alltägliches Essen.


Kapitel 4: Friedrich der Große und der preußische Kartoffeltrick
Dann kam Friedrich II. von Preußen, den man später Friedrich den Großen nannte.

Er hatte ein Problem. Seine Provinzen, besonders die Mark Brandenburg, bestanden größtenteils aus schlechten Sandböden. Getreide wuchs dort nur mäßig und bei jeder Missernte drohte eine Hungerkatastrophe.

Friedrich war ein Pragmatiker. Er führte Kriege, wenn er musste, wusste aber auch, dass ein Staat nur so stark ist wie seine Bevölkerung. Und eine hungrige Bevölkerung ist ein schwacher Staat.

Seine Berater und Ökonomen hatten erkannt, dass die Kartoffel eine Lösung sein konnte. Sie wuchs auf schlechten Böden, sogar auf dem berüchtigten preußischen Sand, der für Getreide kaum taugte. Sie vertrug Nässe besser als Weizen und Roggen, vermehrte sich schnell und lieferte deutlich mehr Kalorien pro Anbaufläche als Getreide.

Ein Kartoffelacker konnte mehr Menschen ernähren als ein vergleichbarer Getreideacker.

Nach einer schweren Hungersnot in Pommern erließ Friedrich 1746 seinen ersten sogenannten Kartoffelbefehl. Er wies seine Beamten an, den Bauern den Nutzen der Kartoffel zu erklären und sie zum Anbau aufzufordern.

Das Problem war nur: Befehle halfen wenig, solange die Menschen nicht überzeugt waren.

Die Bauern wollten keine Kartoffeln. Sie kannten die Knolle nicht und misstrauten ihr. Außerdem galt sie vielerorts als Schweinefutter.

Friedrich gab nicht auf. Insgesamt sind zahlreiche Kartoffelbefehle dokumentiert. Einer der bekanntesten stammt vom 24. März 1756. Darin ordnete er an, den Untertanen den Nutzen des Anbaus dieses Erdgewächses begreiflich zu machen und sie dazu zu bewegen, Kartoffeln als nahrhafte Speise anzubauen.

Auch Pastoren sollten die Bauern von der Kanzel aus zum Kartoffelanbau ermuntern.

Und dann kam der Trick, der Friedrich zum Kartoffelkönig machte.

Er ließ auf königlichen Gütern Kartoffeln anpflanzen und stellte Soldaten auf, die die Felder bewachen sollten.

Als neugierige Bauern aus der Umgebung fragten, was dort wachse, antworteten die Soldaten, sie bewachten kostbare Knollen für die königliche Tafel. Jeder Diebstahl sei strengstens verboten.

Es war Psychologie in Reinform: Was der König für sich beanspruchte, musste wertvoll sein. Was bewacht wurde, musste kostbar sein. Und was verboten war, musste man unbedingt haben.

Ob Friedrich die Soldaten tatsächlich anwies, gelegentlich wegzuschauen, ist historisch nicht gesichert. Die Legende erzählt es jedoch genau so.

Die Rechnung ging auf. Die Bauern stahlen Kartoffeln von den königlichen Feldern und begannen, sie selbst anzubauen.

Zwischen 1765 und 1774 verdoppelte sich der Kartoffelanbau in Brandenburg. Die Knolle hatte sich durchgesetzt und Friedrich hatte seinem Volk geholfen, ohne einen Schuss abfeuern zu müssen – jedenfalls nicht wegen der Kartoffeln.


Kapitel 5: Parmentier erobert Frankreich mit der Kartoffel
Preußen war nicht das einzige Land, in dem die Kartoffel einen Fürsprecher brauchte. In Frankreich spielte sich zur gleichen Zeit eine ähnliche Geschichte ab.

Der Mann, der sie vorantrieb, war ausgerechnet ein ehemaliger Kriegsgefangener Friedrichs des Großen.

Antoine-Augustin Parmentier war Apotheker und Agronom. Geboren wurde er 1737 in der französischen Picardie. Mit 20 Jahren ging er als Militärapotheker zur Armee.

Dann brach der Siebenjährige Krieg aus. Parmentier geriet in preußische Gefangenschaft und machte dort eine Erfahrung, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen sollte.

Die Preußen fütterten ihre Gefangenen mit Kartoffeln, teilweise fast täglich. Es gab wenig anderes.

Parmentier stellte fest, dass er sich von Kartoffeln ernähren konnte, ohne krank oder schwach zu werden. Für einen Franzosen war das eine Offenbarung.

In Frankreich galten Kartoffeln als Viehfutter. In Paris war ihr Verzehr zeitweise sogar verboten, weil man sie für giftig hielt.

Parmentier hatte jedoch selbst erlebt, dass die Kartoffel nahrhaft und grundsätzlich unbedenklich war. Er beschloss deshalb, sein Land davon zu überzeugen.

1771 gewann er mit einer Abhandlung über die Kartoffel den Preis der Akademie von Besançon. Gesucht wurden Nahrungspflanzen, die in Hungerszeiten Brot ersetzen könnten. Parmentiers Antwort war eindeutig: die Kartoffel.

Doch das französische Volk und der Adel waren schwer zu überzeugen. Die Knolle wirkte bäuerlich und wenig elegant.

Also wurde Parmentier kreativ.

Er schickte König Ludwig XVI. einen Strauß Kartoffelblüten. Der König war beeindruckt und steckte sich eine Blüte ans Knopfloch. Marie Antoinette trug die violetten Blüten im Haar.

Plötzlich waren Kartoffelblüten am französischen Hof in Mode.

Parmentier veranstaltete außerdem aufwendige Bankette, bei denen nahezu jeder Gang aus Kartoffeln bestand: Kartoffelsuppe, Kartoffelsalat, Kartoffelbrot, Kartoffelkuchen und weitere Gerichte.

An einem dieser Essen nahm auch Thomas Jefferson teil, der spätere Präsident der Vereinigten Staaten. Die Vorlage führt ihn in diesem Zusammenhang auch als Vermittler der Idee von Pommes frites in die Vereinigten Staaten an.

Der König gab Parmentier zwei Hektar Land in der Nähe von Paris auf einem steinigen Boden, auf dem angeblich kaum etwas wachsen wollte.

Genau das war der Punkt. Parmentier wollte beweisen, dass die Kartoffel auch auf schlechtem Boden gedeihen konnte.

Er pflanzte die Knollen und ließ das Feld von Soldaten bewachen – ähnlich wie Friedrich in Preußen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Soldaten bewachten das Feld nur tagsüber.

Nachts schlichen sich neugierige Menschen auf das Feld und stahlen Kartoffeln. Genau das hatte Parmentier erreichen wollen.

Ludwig XVI. soll Parmentier dafür beglückwünscht haben. Der König soll sinngemäß gesagt haben, Frankreich werde ihm eines Tages dafür danken, dass er das „Brot der Armen“ gefunden habe.

Wenige Jahre später brach die Französische Revolution aus. Während Ludwig XVI. und Marie Antoinette ihr Leben verloren, wurde die Kartoffel immer stärker zu einem wichtigen Nahrungsmittel. Ihre Verbreitung wurde schließlich staatlich gefördert.

Parmentier wurde später zum Generalinspektor des Sanitätswesens ernannt.


Kapitel 6: Wie die Kartoffel Europa ernährte
Die Kartoffel hatte Europa erobert. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg sie vom verachteten Gewächs zum Grundnahrungsmittel auf.

In Deutschland, Frankreich, England, den Niederlanden und Skandinavien wurde sie angebaut und veränderte das Leben der einfachen Menschen.

Die Rechnung war einfach: Ein Hektar Kartoffeln lieferte ungefähr doppelt so viele Kalorien wie ein Hektar Weizen.

Für eine Bauernfamilie bedeutete das mehr Ertrag auf weniger Land und damit weniger Hunger.

Familien, die zuvor regelmäßig hungerten, hatten plötzlich bessere Chancen, ausreichend Nahrung zu bekommen. Die Kindersterblichkeit sank und die Bevölkerung wuchs.

In Preußen verdoppelte sich die Bevölkerung im 18. Jahrhundert. Historiker sehen in der Kartoffel einen wichtigen Faktor für diese Entwicklung.

In ganz Nordeuropa zeigte sich ein ähnlicher Effekt. Die Kartoffel veränderte den Kontinent still und leise.

Doch genau darin lag auch eine Gefahr.

Wenn eine ganze Gesellschaft von einer einzigen Pflanze abhängig wird, wird diese Pflanze zur Achillesferse.

Kein Land zeigt das deutlicher als Irland.


Kapitel 7: Irland und die große Kartoffelkatastrophe

Im frühen 19. Jahrhundert war Irland ein Land großer Armut und sozialer Ungleichheit.

Die Insel stand seit Jahrhunderten unter britischer Herrschaft. Der Boden gehörte größtenteils englischen und angloirischen Großgrundbesitzern, während irische Pächter winzige Parzellen bewirtschafteten, auf denen sie kaum etwas anderes anbauen konnten als Kartoffeln.

Das Getreide, das sie ernteten, ging als Pacht an die Grundbesitzer. Was ihnen blieb, war die Kartoffel.

Sie war perfekt für diese Situation. Sie lieferte auf kleinstem Raum genügend Kalorien, um eine Familie zu ernähren. Ein irischer Arbeiter aß im Durchschnitt mehrere Kilogramm Kartoffeln pro Tag.

Eine Familie konnte mit einer kleinen Kartoffelfläche und einer Kuh überleben. Es war nicht viel, aber es war genug.

Doch diese Abhängigkeit war gefährlich einseitig.

In Irland wurden im Wesentlichen nur wenige Kartoffelsorten angebaut und diese stammten von einer schmalen genetischen Basis ab.

Wenn eine Krankheit diese Sorten befiel, gab es kaum Ausweichmöglichkeiten.

1845 kam die Katastrophe. Ein Schaderreger namens Phytophthora infestans, ein pilzähnlicher Organismus, erreichte die irischen Kartoffelfelder.

Der Erreger hatte sich von Nordamerika aus über den Atlantik verbreitet und bereits in Belgien, den Niederlanden und England Ernteausfälle verursacht. Doch nirgendwo schlug er so verheerend zu wie in Irland.

Zunächst befiel er die Blätter der Kartoffelpflanzen und verfärbte sie braun. Anschließend griff der Befall auf die Knollen über. Die Kartoffeln wurden schwarz, matschig und begannen zu faulen.

Im Herbst 1845 meldeten die ersten Bauern die Krankheit. Innerhalb weniger Wochen war klar, dass mindestens die Hälfte der Ernte verloren war.

Die Bauern hofften auf das nächste Jahr. Doch auch 1846 war die Ernte katastrophal, ebenso in den folgenden Jahren.

Das feuchte und milde Klima Irlands bot dem Erreger ideale Bedingungen. Seine Sporen wurden durch den Wind über die Insel getragen.

Was folgte, war eine der größten humanitären Katastrophen Europas.

Etwa eine Million Menschen starben. Eine weitere Million verließ das Land.

Viele flohen auf überfüllten Schiffen über den Atlantik nach Amerika und Kanada. Wegen der hohen Zahl an Todesfällen durch Krankheiten wie Typhus und Cholera wurden manche dieser Schiffe später als „Sargschiffe“ bezeichnet.

Die britische Regierung reagierte auf die Hungersnot mit einer Politik, die in Irland bis heute als Teil einer tiefen historischen Schuld betrachtet wird. Vertreter der damaligen Politik setzten stark auf den freien Markt und griffen nur unzureichend in die Versorgung ein.

Während Menschen verhungerten, wurden weiterhin Lebensmittel wie Getreide von der Insel exportiert. Das Land besaß also durchaus andere Nahrungsmittel, doch sie waren für viele Menschen nicht zugänglich.

Vor der Hungersnot lebten rund acht Millionen Menschen in Irland. Danach waren es kaum noch sechs Millionen. Die Auswanderung setzte sich über Jahrzehnte fort und die Bevölkerung sank weiter.

Bis heute hat Irland seine Einwohnerzahl von vor 1845 nicht wieder erreicht.

Die große Hungersnot veränderte Irland dauerhaft. Sie schwächte unter anderem die irische Sprache, weil besonders die gälischsprachige Landbevölkerung betroffen war. Gleichzeitig verstärkte sie den irischen Nationalismus und trug zur Entwicklung des späteren Unabhängigkeitskampfes bei.


Kapitel 8: Die Lehren aus Irland und die Macht der Vielfalt

Die irische Tragödie hatte eine weitere, weitreichende Folge: Millionen irischer Auswanderer gingen in die Vereinigten Staaten.

Sie kamen häufig unter äußerst schwierigen Bedingungen an. Viele sprachen kaum Englisch, wurden diskriminiert und mussten zunächst in den ärmsten Vierteln der Städte leben.

Trotzdem arbeiteten sie sich innerhalb weniger Generationen in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft vor. Sie wurden unter anderem Eisenbahner, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und Politiker.

Städte wie Boston, New York und Chicago wurden stark durch die irische Einwanderung geprägt.

John F. Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten, war ein Nachfahre irischer Einwanderer aus der Zeit der Hungersnot.

Die Kartoffel hatte die Iren fast ausgelöscht und gleichzeitig eine der bedeutendsten Einwanderungsbewegungen der amerikanischen Geschichte mit ausgelöst.

Die Lehre aus Irland war bitter, aber eindeutig: Monokultur ist gefährlich. Genetische Vielfalt ist kein Luxus, sondern eine Überlebensversicherung.

Die mehr als 4.000 Kartoffelsorten, die die Menschen in den Anden über Jahrtausende gezüchtet hatten, waren keine überflüssige Vielfalt. Sie waren eine Strategie gegen genau die Art von Katastrophe, die Irland erlebte.

Trotzdem blieb die Kartoffel unverzichtbar. Kaum ein anderes Grundnahrungsmittel lieferte so viele Kalorien auf vergleichsweise wenig Fläche und war gleichzeitig so vielseitig.

Sie wuchs auf Sand, Lehm und steinigem Boden. In Skandinavien ebenso wie in den Tropen, in den Bergen Nepals ebenso wie in den Ebenen der Niederlande.

Wo Menschen hungrig waren und ein Stück Land zur Verfügung hatten, konnte die Kartoffel helfen.


Kapitel 9: Die Kartoffel als Motor der Moderne
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kartoffel zu einem wichtigen Bestandteil der europäischen Ernährung.

Ohne die Kartoffel wäre die Industrialisierung in ihrer bekannten Form vermutlich schwieriger gewesen. Arbeiter in den Fabriken von Manchester, Berlin und Pittsburgh benötigten billige und sättigende Nahrung – und die Kartoffel konnte sie liefern.

Auch in den Weltkriegen war sie ein strategisch wichtiges Nahrungsmittel.

Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg ernährten sich teilweise über lange Zeit von Kartoffeln. Im sogenannten Steckrübenwinter 1916/17, als selbst Kartoffeln knapp wurden und man auf Steckrüben ausweichen musste, wurde vielen Menschen bewusst, wie abhängig sie von der Knolle geworden waren.

Heute gehört die Kartoffel zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Welt. Jedes Jahr werden weltweit mehr als 300 Millionen Tonnen geerntet und in über 130 Ländern angebaut.

Für mehr als eine Milliarde Menschen ist sie ein wichtiges Grundnahrungsmittel.

Von Pommes frites in Belgien über Rösti in der Schweiz bis zu Wodka in Russland, Gnocchi in Italien und Causa in Peru hat sich die Kartoffel in die Küchen der ganzen Welt eingeschrieben.

Gekocht, gebraten, gebacken, frittiert, püriert, getrocknet oder fermentiert – kaum ein anderes Nahrungsmittel ist so vielseitig.

Doch die Geschichte ist noch nicht vorbei.


Kapitel 10: Die Zukunft der Kartoffel – von China bis zum Mars
Im 21. Jahrhundert gewinnt die Kartoffel erneut an Bedeutung.

China begann, den Kartoffelanbau stärker auszubauen, unter anderem weil die Pflanze weniger Wasser benötigt als Weizen oder Reis und gleichzeitig einen hohen Nährwert bietet.

In China war die Kartoffel lange eher Gemüse und Beilage als klassisches Grundnahrungsmittel. Das verändert sich zunehmend.

Auch in Afrika gewinnt die Kartoffel an Bedeutung. Besonders in den Hochlandregionen Ostafrikas, deren Bedingungen teilweise an die Anden erinnern, wird sie zunehmend zu einer wichtigen Nutzpflanze.

Selbst die Raumfahrt hat sich mit der Kartoffel beschäftigt.

Die NASA untersuchte unter anderem, ob Kartoffeln unter Bedingungen wachsen können, die bestimmten Umweltbedingungen des Mars ähneln. In Zusammenarbeit mit dem International Potato Center in Lima wurden Versuche mit trockenem, salzhaltigem Boden und verändertem Luftdruck durchgeführt.

Die Ergebnisse wurden als vielversprechend beschrieben.

Die Kartoffel, die vor Tausenden von Jahren in den Hochlagen der Anden domestiziert wurde, könnte damit eines Tages sogar außerhalb der Erde angebaut werden.

Von den Anden zum Mars – eine Reise, die selbst die Inka vermutlich für unvorstellbar gehalten hätten.


Kapitel 11: Kartoffeln auf Gräbern und ihr weltgeschichtliches Erbe
Es gibt noch ein Detail, das vielleicht das schönste Ende dieser Geschichte liefert. Es zeigt, wie tief die Kartoffel im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

In Potsdam, auf dem Gelände von Schloss Sanssouci, liegt das Grab Friedrichs des Großen. Es ist ein schlichtes Grab neben dem Schloss, das er so liebte.

Auf seiner Grabplatte liegen unabhängig von Jahreszeit und Wetter Kartoffeln.

Besucher aus aller Welt legen sie dort ab. Touristen, Geschichtsinteressierte und Schulklassen bringen manchmal eine einzelne Kartoffel, manchmal mehrere. Besonders an Friedrichs Geburtstag werden viele dort niedergelegt.

Es ist eine stille Geste der Dankbarkeit – Jahrhunderte nach dem ersten Kartoffelbefehl. Eine Geste für einen König, der mit List und Beharrlichkeit dazu beitrug, die Kartoffel in Preußen durchzusetzen.

Auch Parmentier wird in Paris auf dem Friedhof Père-Lachaise erinnert. Auf seinem Grab wachsen ebenfalls Kartoffelpflanzen.

Friedrich II. wollte seine Bauern ernähren. Parmentier wollte Frankreich vor dem Hunger bewahren. Die Inka wollten ihre Bevölkerung und ihre Armeen versorgen.

Keiner von ihnen ahnte, dass die Kartoffel eines Tages die Welt verändern würde. Dass sie Imperien stärken, Gesellschaften verändern und gleichzeitig zur Grundlage schwerer Katastrophen werden würde. Dass sie Millionen Menschen das Leben kosten und gleichzeitig Milliarden Menschen ernähren würde.

Die Geschichte der Kartoffel ist deshalb keine einfache Geschichte über eine Pflanze.

Sie ist eine Geschichte über Hunger und Verzweiflung, über menschlichen Erfindungsgeist und darüber, wie lange Menschen ein Geschenk der Natur ablehnen können.

Und sie ist die Geschichte einer unscheinbaren Knolle, die mehr bewegt hat als viele Könige, Kriege und Revolutionen zusammen.

Jedes Mal, wenn du eine Kartoffel schälst, hältst du damit ein Stück Weltgeschichte in der Hand.
 
 
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